Donnerstag, 18. Februar 2016

Nach 40 Jahren: Neues Voting beim Eurovision Song Contest


Ein radikaler Schnitt! Das Votingsystem beim Eurovision Song Contest wird geändert. Die Dramaturgie des Contests soll erheblich spannender werden mit dem neuen Ablauf bei der Ergebnisverkündung.

Bisher war es beim Song Contest so, dass die Ergebnisse der Abstimmungen von Jurys und Zuschauern, die jeweils mit 50 Prozent gewertet worden, als kombiniertes Ergebnis verkündet worden. Von 2016 an werden Jury- und Zuschauervoting voneinander getrennt. Jedes Land kann einem Song zukünftig also maximal 24 Punkte geben - zwölf durch die Fachjury und zwölf durch die Zuschauer.

Nachdem die Zuschauer ihre Punkte per Telefon, SMS oder App abgegeben haben, verkünden die Spokespersons aus den 43 Teilnehmerländern die Ergebnisse des Juryvotings. Dabei wird nur noch die Wertung der zwölf Punkte öffentlich verkündet, die restlichen Punkte werden eingeblendet. Somit gibt es keine "eight points" und "ten points" mehr aus den Ländern.

Im Anschluss werden die Zuschauerpunkte aller abstimmenden Länder zusammengerechnet. Diese Ergebnisse geben dann die Moderatoren des Eurovision Song Contest bekannt. In diesem Jahr also Måns Zelmerlöw und Petra Mede. Begonnen wird mit dem Land, dass von den Televotern die wenigstens Punkte erhalten hat. Die Zuschauer erfahren bei diesem Verfahren jedoch nicht, aus welchem Land die jeweiligen Punkte kommen. Diese Details werden im Anschluss an das Finale bei eurovision.tv veröffentlicht.


Spannung bis zum Schluss

Damit steht der Gewinner des Eurovision Song Contest wirklich erst am Ende des Votings fest. Beim alten Voting stand das Gewinnerland schon oft vorm Ende der Punktevergabe fest. Das neue Verfahren, das bereits seit 2012 diskutiert und nun einstimmig von der Reference Group und dem EBU-Team beschlossen wurde, soll die Abstimmung außerdem transparenter gestalten. Die neuen Regeln garantieren, dass der Song, der bei den Zuschauern am besten ankommt, auch zwölf Punkte erhält, unabhängig davon, wie die Jurys abstimmen.

"Die neue Art der Präsentation ist ein großer Schritt hin zu einer besseren Fernsehshow und einem spannenderen Wettbewerb.“, so Jon Ola Sand, Supervisor des Eurovision Song Contest.

Das Melodifestivalen Voting nun beim Eurovision Song Contest

Das 40 Jahre alte Votingsystem hat nun ausgedient. Damals wurde es übrigens zum ersten Mal in Schweden ausprobiert. Beim Eurovision Song Contest 1975 in Stockholm gab es zum ersten Mal "Douze Points“. Nun wird in Schweden die Abstimmung revolutioniert. Kein Zufall, denn das neue Voting des Song Contest erinnert sehr stark an das Voting des schwedischen Melodiestivalen. Dort werden zuerst die Punkte der internationalen Fachjurys präsentiert. Anschließend werden die Punkte des Televotings aufsteigend verlesen. Der schwedische Sender SVT hat also seine Forderungen bei der EBU durchgesetzt. Christer Björkman, Produzent vom Melodifestivalen, schwedischer Delegationsleiter beim ESC und wichtige Stimme in Sachen Eurovision bei der EBU, ist sehr erfreut über das neue Voting: "Alle Wettbewerbe wollen ein spannendes Finale schaffen.“

Beim Melodifestivalen sorgt ein sehr ähnliches Votingsystem seit Jahren für Spannung.

Das neue System und die Nebenwirkungen

Auch für Eventualitäten ist die EBU vorbereitet. Sollte ein Land nicht in der Lage sein, ein gültiges Jury- und/oder Televotingergebnis zu präsentieren, gibt es einen definierten Wertungsschlüssel. Dieser Schlüssel wird vorher von der EBU bestimmt.

Beispiel: Am Finalabend brechen in Frankreich die Server zusammen. Ein Ergebnis kann nicht präsentiert werden. In diesem Fall ergeben sich dann die französischen Punkte aus einem Querschnitt des Televotings von Polen, Dänemark, Österreich und Deutschland (willkürliche Auswahl fürs Beispiel).

Problem: In San Marino kommt jährlich kein Televoting zustande, weil nicht genügend Stimmen eingeben bzw. es überhaupt keinen Anbieter gibt, der das Voting in diesem Land hostet. Nach dem alten Votingsystem springt in so einem Fall die Fachjury ein. Das Juryvoting macht also 100% des nationalen Ergebnisses aus. Beim neuen Voting wird es das nicht mehr geben.

Für San Marino heißt das künftig beim Televoting, dass dem Land laut dem definierten Wertungsschlüssel ein repräsentatives Stimmenverhältnis aufgezwängt wird. Damit haben vor allem kleine Länder nicht mehr das demokratische Recht auf Abstimmung. Das ein Stimmenquerschnitt aus anderen Ländern, den Geschmack von San Marino trifft, bezweifle ich an diese Stelle.


Kein Gleichstand möglich

Bei einem Gleichstand, egal ob der erste oder der 12. Platz, ist das Land besser platziert, das aus mehr Teilnehmerländern Punkte erhalten hat. Die Regel, dass die Häufigkeit der 12 Punkte den Ausschlag gibt, gibt es damit auch nicht mehr, zumindest, sofern eindeutig aus der Anzahl der Nationen die Punkte vergeben haben, ein Ergebnis gebildet werden kann. Kommt es dann immer noch nicht zu einem Ergebnis, greift die bisherige Methode: die meisten 12-Punkte Wertungen zählen.

Große Bühne für die uninteressanten Jurys

Die Fachjurys werden viel prominenter in Szene gesetzt. Warum gerade die für viele uninteressanten Jurypunkte angesagt werden, finde ich unbegreiflich. Es interessieren sich doch fast nur die Eurovisionsfans für die Jurywertungen. Meiner Meinung nach wäre es genau andersrum interessanter, wenn die Jurystimmen erst von den Moderatoren vorgelesen werden und die Spokespersons die Punkte des Televotings präsentieren.

Es bleibt abzuwarten, wie das neue Voting auf der großen Bühne funktioniert. Maximale Transparenz bietet das neue System meiner Meinung nicht. Das bisherige Voting ist das eigentliche Erfolgsrezept des Eurovision Song Contest. Ich freue mich auf der einen Seite auf das neue System mit sehr viel Spannung, aber auf der anderen Seite verliert der Contest sein Aushängeschild. Das macht mich traurig.

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